ins Leben wachsen

Es ist Winter und es ist Kochtag und wir wollen gemeinsam Vogelfutter machen. Also rufe ich die Kinder: „Kommt, wir machen jetzt einen Meisenknödel!“. Prompt bekomme ich zur Antwort: „Nein, ich kann jetzt nicht, ich muss erst die Straße planieren!“ Jetzt kann ich mich entscheiden: Bestehe ich darauf, dass jedes Kind bei dem Angebot mitmacht oder nehme ich das Wort „Angebot“ ernst? Angebot heißt: ich biete etwas an, keiner ist verpflichtet das Angebot wahrzunehmen. Wir Erwachsene sind doch umgeben von einer wahren Angebotsflut und auch wir nehmen uns die Freiheit und sortieren aus: Brauch ich das Angebot über die ferngesteuerte automatische Toastereinschaltung oder das Angebot für eine rutschfeste Badewannenvorlage mit adrettem Design?

 

 

Und genauso verstehe ich auch die Angebote in unserem Waldkindergarten. Manche finden sie interessant, bei manchen lässt sich mit dem richtigen Argument oder einer originellen Hinführung auch Interesse wecken, aber es ist auch gut möglich, dass es eben wichtiger ist, eine neue „Straße“ anzulegen, ein Boot zusammen zu nageln oder sich endlich auf den hohen Baum klettern zu trauen. Sicher versuche auch ich ein Kind von der Großartigkeit und Einmaligkeit meines Angebots zu überzeugen.

Doch gestehe ich den Kindern dieses Recht ebenso zu: auch sie dürfen mich von der Dringlichkeit ihrer Arbeit überzeugen. So lernen die Kinder auf sich selbst, das heißt auf ihre Bedürfnisse zu hören und sie durchzusetzen – und das ist genauso wichtig. Wir wissen doch oft sehr wohl, was uns gut tun würde, trauen es uns aber nicht, dies auch durchzusetzen.

Kinder müssen Kinder sein dürfen und wir Erwachsene dürfen unsere Kinder nicht als kleine Erwachsene sehen, die noch unfertig und unwissend sind und uns Erwachsene dazu brauchen, dass sie zu ordentlichen Menschen heranwachsen. Gerade das wird aber z. Zt. propagiert, wenn es nur noch um kognitive Inhalte in der Erziehung geht. Da ist es ganz wichtig, dass viel Naturwissenschaft, Mathematik, Logik, Technik, Sprachförderung, Englisch, etc. betrieben wird. Doch leider vergisst man, dass ein Kind erst in seiner eigenen Geschwindigkeit reifen muss, um all das in seinem kleinen Kopf unterzubringen. Außerdem lernt ein kleiner Kopf anders als unser großer. Das Schlagwort vom „Lernen mit allen Sinnen“ findet hier seine Bedeutung. Jeder lernt anders und Kinder lernen ganz anders und zwar oft so, dass wir Erwachsenen nicht verstehen, was da in dem Kopf vorgeht. Da stellt sich die Frage, ob wir Erwachsene, mit unserem einzigartigen Intellekt doch erst einmal begreifen sollten, wie Kinder bzw. das kindliche Gehirn funktioniert.

Einem Kind die Freiheit geben zu können in seiner eigenen Geschwindigkeit und mit seinen ganz speziellen Kompetenzen heranzuwachsen, „ins Leben zu wachsen“ und zwar in einer körperlichen, geistigen und räumlichen Freiheit, das ist in unserem Waldkindergarten möglich – und das ist nur einer von vielen Gründen, warum ich genau in diesem Waldkindergarten arbeite.

(verfasst von Roswitha Hader)